Leseprobe VIER

Cover_VIER_FINAL

Blutorange und Schokolade war eindeutig die beste Kombination, die man sich bei Eis nur wünschen konnte, und noch dazu in einer knusprigen Waffel. Niemals würde er von dieser Kombination abweichen. Lieber würde er gar kein Eis essen, bevor er auf eine dieser beiden Sorten verzichtete. Für sich allein waren sie nichts Besonderes, zusammen aber unschlagbar. Sie stellten sozusagen eine Eusymbiose dar, in welcher definitionsgemäß der eine Partner ohne den anderen nicht lebensfähig ist.Während die meisten Gäste der Eisdiele die Fußgängerampel an der Alexanderstraße ignorierten und die Fahrbahn sowie die Straßenbahnschienen auf ihrem Weg hinüber zum Eugensplatz überquerten, ohne dabei auf den Verkehr zu achten, wartete er ordnungsgemäß an der Ampel, bis es grün wurde. Neben ihm stand ein Vater mit seinem Sohn, der etwa fünf Jahre alt sein mochte. Der Mann echauffierte sich über die schlechten Angewohnheiten der Menschen und regte sich fürchterlich darüber auf, wie man nur so verantwortungslos sein und einem Kind mit so schlechtem Beispiel vorangehen konnte. Etwas zwang ihn, dem Mann ins Gesicht zu sehen.  Das Verantwortungsbewusstsein dieses Vaters beeindruckte ihn: mit seinem Verhalten denunzierte er die anderen und riskierte sogar eine direkte Auseinandersetzung. „Warum starren Sie mich so an?“, fauchte der Mann. „Habe ich denn nicht Recht? Wie sollen unsere Kinder lernen, sich als Fußgänger im Straßenverkehr richtig zu verhalten, wenn die Leute vor seinen Augen wie bei einer Krötenwanderung alle hintereinander bei Rot gehen?“ Er nickte anerkennend und lächelte sogar, als er dem aufgebrachten Mann entgegnete: „Ich stimme Ihnen absolut zu. Manch einer hätte es verdient, von einem Auto oder, noch besser, von der Straßenbahn überfahren zu werden.“ Der Vater des Jungen schüttelte fassungslos den Kopf angesichts dieser radikalen Sichtweise und setzte gerade zu einer Antwort an, als die Ampel auf Grün schaltete. Da besann er sich, nahm den Jungen an der Hand und überquerte ohne eine Erwiderung mit seinem Sohn die Straße. Ungerührt ging er hinterher und setzte sich auf eine der Mauern, um bei einem einmaligen Blick in den Talkessel sein Eis zu genießen. Er liebte diesen Platz. Im vergangenen Sommer, nachdem er gerade erst nach Stuttgart gezogen war, hatte er ihn entdeckt. Der Tipp stammte aus einem Stadtführer, den er sich seinerzeit  gekauft hatte. Er hätte überall hingehen können, aber seine Wahl war auf die baden-württembergische Landeshauptstadt gefallen. Stuttgart war in seinen Augen perfekt. Nicht so groß, dass man den Überblick verlieren könnte, aber auch nicht zu klein – also gerade richtig, um in der Anonymität einer Großstadt in Ruhe seinen Fantasien und Träumen zu folgen. Es wurde Zeit für einen Blick auf die Uhr, nur um sicher zu gehen, dass er nichts verpasste. Schon bevor er nachsah, wusste er fast auf die Minute genau, wie spät es sein würde. Pünktlich um 16.45 Uhr hatte er die Kasse am Kino in der Tübinger Straße verlassen. Vier Minuten und dreißig Sekunden dauerte üblicherweise sein Fußweg zur U-Bahn-Haltestelle am Rathaus. Dort musste er vier Minuten auf die nächste Bahn der Linie 4 warten. Die Fahrt bis zur nächsten Haltestelle am Charlottenplatz dauerte fünfzig Sekunden. Um an das Gleis zu gelangen, auf dem die Linie 15 in Richtung Fernsehturm fuhr, benötigte er  zwei Minuten und dreißig Sekunden. Da er sich in den Gängen des unübersichtlichen U-Bahnhofes noch nicht perfekt auskannte, hätte er die einfahrende Bahn fast verpasst, die ihn in exakt vier Minuten über das Olgaeck zum Eugensplatz brachte. Sieben Minuten hatte ihn das Anstehen in der Warteschlange vor der Eisdiele gekostet, inklusive seiner Bestellung, der Bezahlung sowie der Entgegennahme seines Lieblingseises. Neunzig Sekunden stand er gemeinsam mit dem verärgerten Vater und dessen Sohn an der Fußgängerampel, um daraufhin schätzungsweise sechs Minuten lang sein Eis zu essen und dabei seine Gedanken schweifen zu lassen. Punktum, es musste jetzt also genau 17.15 Uhr oder 17.16 Uhr sein! Er ärgerte sich maßlos, als der Blick auf die Uhr ihm anzeigte, dass es bereits 17.18 Uhr war. Verdammt, wo hatte er nur die zwei oder drei Minuten seiner Zeit liegen lassen? Solche Nachlässigkeiten konnte er sich nicht erlauben, wenn sein Plan aufgehen sollte. Das Abschweifen der Gedanken musste es gewesen sein, was ihn die Zeit in Sorglosigkeit hatte verlieren lassen. Das würde – durfte! – ihm nicht noch einmal passieren. Wenn seine Planungen und Berechnungen stimmten, müsste sie, mit einer einkalkulierten Streubreite von zwei Minuten aufgrund unvorhersehbarer Gegebenheiten, innerhalb der nächsten vier Minuten an der Eisdiele auftauchen. Er bekam feuchte Hände und sein Mund fühlte sich mit einem Mal trocken an. Deshalb beschloss er, den Brunnen aufzusuchen, der zu Recht als Hauptattraktion der Aussichtsplattform galt. Den krönenden Schmuck des monumentalen Brunnens aus Schilfsandstein bildete eine Bronzefigur: die Meernymphe Galatea. Durstig hielt er seinen Mund unter den Wasserhahn, natürlich nicht, ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass das Schild Trinkwasser noch an seinem Platz war.  Dann war es so weit. Um 17.21 Uhr stellte sie sich, wie an jedem Donnerstagnachmittag während der Sommermonate, in die Warteschlange vor der Eisdiele. Wie immer, ließ sie ihrer Arbeitskollegin höflich den Vortritt. Das langärmelige Oberteil ihres dunkelblauen Kostüms hatte sie lässig über den linken Arm gelegt, und die rote Handtasche baumelte an ihrer rechten Schulter. Sie hatte viele Handtaschen, um ganz genau zu sein waren es dreiundzwanzig Stück. Er kannte sie alle und wusste mittlerweile auch, nach welchen Kriterien sie die passende auswählte. In erster Linie war die Wahl abhängig von der Farbe und dem Stil der Kleidung, weiterhin vom Anlass, der sich bot. Diese rote Handtasche würde sie, da war er sich sicher, niemals zu einem lockeren Besuch mit Freunden im Biergarten wählen. Heute passte sie perfekt zu den roten, hochhackigen Schuhen und der weißen Bluse, die sie trug. Auch die Bluse kannte er genau. Sie hing zuletzt in ihrem Kleiderschrank im Schlafzimmer, an der dritten Position von links. Welche Wäsche sie wohl heute trug? Klar, ein weißer BH musste es sein, denn jede andere Farbe wäre unter der Seidenbluse zu erkennen gewesen. Aber was war mit dem Höschen? Welches hatte sie wohl für den heutigen Tag ausgewählt? Ein weißes, passend zum Oberteil? Ein rotes? Oder vielleicht ein schwarzes? „Nein“, schoss es ihm durch den Kopf. Schwarz war unmöglich. Schwarze Höschen trug sie eigentlich nur während ihrer Periode, und er wusste, dass es noch über zehn Tage bis zu ihrer nächsten Monatsblutung dauern würde. Das verrieten nicht nur die Eintragungen in ihrem Tagebuch, sondern auch die Packung mit den Anti-Baby-Pillen in ihrem Badezimmerschrank. „Auf meinen Zyklus ist Verlass, er kommt pünktlich wie die Tagesschau“, hatte sie einmal einer Freundin während eines Telefonats erzählt, das er aus dem Nebenraum belauscht hatte. Vielleicht war es auch grün oder blau? Sie besaß sogar welche mit Blümchen drauf. Begleitet von einem leichten Kopfschütteln verdrängte er die Bilder, die in seinen Gedanken Gestalt annahmen. So anregend diese Überlegungen auch waren – es gab Wichtigeres für ihn zu tun.

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 Petra Katz und ihre Kollegin Angelika Hübner aßen genüsslich ihr Eis und plauderten, während sie die schöne Aussicht auf die Stuttgarter Innenstadt genossen. Beide arbeiteten im Servicebereich der nahegelegenen Niederlassung einer größeren Bank. Petra war fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nach einem abgebrochenen Studium der Betriebswirtschaftslehre eine Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen. Sie wurde im Kollegenkreis sehr geschätzt, und für die Zeit nach ihrem Ausbildungs-Abschluss wurde ihr in der Bank eine Festanstellung in Aussicht gestellt. Die Arbeit machte ihr Spaß, wenngleich sie recht anstrengend war. An den Umgang mit größeren Geldbeträgen hatte sich Petra noch immer nicht gewöhnt. Angelika, die zwei Jahre älter war und schon deutlich länger bei der gleichen Bank arbeitete, hatte sie aber stets unterstützt und stand ihr bei sämtlichen Problemen hilfreich zur Seite. So war über die Jahre eine Freundschaft zwischen den beiden Frauen entstanden, die allerdings recht oberflächlich blieb. Außer dem wöchentlichen Besuch der Eisdiele nach Dienstschluss am Donnerstagnachmittag sowie gelegentlichen Kinobesuchen, hatten die beiden jungen Frauen außerhalb ihres Berufes in den letzten Jahren kaum etwas zusammen unternommen. Angelika führte seit langem eine feste Beziehung und wohnte etwas außerhalb von Stuttgart, in Neuhausen auf den Fildern. Täglich kämpfte sie sich zweimal durch den immer dichter werdenden Berufsverkehr in und um Stuttgart, so dass sie am Abend froh war, endlich wieder zu Hause bei ihrem Freund zu sein. Für spontane Unternehmungen mit ihren Kolleginnen und Kollegen blieb dadurch wenig Zeit. Petra wohnte in der Alexanderstraße, nur wenige Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt. Sie stammte ursprünglich aus Blaufelden, einem kleinen Ort im Hohenlohischen. Nach ihrem abgebrochenen BWL-Studium in Nürnberg hatte sie es dann nach Stuttgart verschlagen. Sie fühlte sich zwar wohl in der Stadt, doch war es ihr bisher nicht gelungen, einen engeren Freundeskreis aufzubauen. Abgesehen von flüchtigen Bekanntschaften und der einen oder anderen kurzen Affäre, hatte sie auch mit Männern kein großes Glück gehabt. Außenstehende wunderten sich darüber, da sie eine sehr attraktive junge Frau war. Wer sie jedoch besser kannte, wusste, dass sie in ihrer aktuellen Lebensphase die berufliche Karriere dem Privatleben voranstellte. Langfristig war es ihr Ziel, innerhalb der Bank aufzusteigen und möglicherweise einmal im Bereich der Anlagenberatung zu arbeiten. Zu ihrer Familie in Blaufelden pflegte sie nach wie vor ein enges und gutes Verhältnis, auch wenn sie ihre Eltern und Geschwister nur drei- bis viermal im Jahr besuchte. Viele ihrer einsamen Abende in der Altbauwohnung in der Alexanderstraße verbrachte sie entweder mit Fernsehen, im Internet oder telefonierend mit ihren zahlreichen Freundinnen aus vergangenen Schul- und Studienzeiten, die mittlerweile über ganz Deutschland verstreut waren. „Oh, es wäre herrlich, wenn das mit dem Kurzurlaub klappen würde“, freute sich Petra, als Angelika ihr mitteilte, dass aus ihrer gemeinsamen Idee, einen spontanen Kurztrip spontanen Tagen Erholung an den Gardasee zu unternehmen, konkrete Pläne wurden. „Also mein Freund wäre zwar nicht gerade begeistert, hätte aber im Grunde nichts dagegen. Und wenn wir beide in der Bank die freien Tage genehmigt bekommen, steht unserem fünftätigen Trip an den Gardasee von meiner Seite aus nichts mehr im Weg“, erklärte Angelika gut gelaunt. Freudestrahlend stimmte Petra zu: „Super. Ich freu mich riesig darauf. Ich fühle mich nämlich absolut urlaubsreif.“ „Nimmt dich denn die Arbeit momentan wieder so sehr mit?“, fragte Angelika etwas besorgt. „Ja, irgendwie schon. Aber ich hatte dieses Jahr auch erst drei Tage frei, und die habe ich nur genommen, um auf die Beerdigung von meiner Oma zu gehen, die im Februar gestorben ist. Und jetzt haben wir schon Juni.“ „Kopf hoch.“, ermutigte Angelika ihre Freundin. „Wir machen uns ein paar richtig schöne Tage am Gardasee – mit Schwimmen, Wasserskifahren, Faulenzen in der Sonne und gutem Essen. Und wer weiß, vielleicht lernst du ja einen attraktiven Surfer kennen, die soll es dort nämlich zu Hauf geben.“ Ohne erkennbaren Grund setzte Petra plötzlich eine nachdenkliche Miene auf. „Was ist los mit dir? Ich dachte du freust dich?“, fragte Angelika. „Ja, schon. Aber da ist noch etwas anderes, das mir derzeit zu schaffen macht.“ „Was denn?“, fragte Angelika neugierig. „Ich habe bisher mit niemandem darüber gesprochen, weil ich mir irgendwie blöd vorkomme. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das alles nur einbilde. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, den Verstand zu verlieren.“ „Jetzt machst du es aber spannend. Los, raus mit der Sprache!“, forderte Petras Kollegin besorgt. Petra zögerte kurz, beschloss dann aber, sich ihrer Kollegin anzuvertrauen. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass in meiner Wohnung merkwürdige Dinge vor sich gehen, fast so, als ob es spukte.“ „Wie meinst du das?“ „Manche Gegenstände sind nicht mehr da, wo ich sie zuletzt hin getan habe. Zumindest glaube ich das. Dann kommt mir meine Wohnung immer so sauber vor, obwohl ich es mit dem Putzen nicht gerade übertreibe.“ „Du hast mir doch aber mal erzählt, dass du sehr ordentlich bist.“ „Ordentlich ja, aber nicht kleinlich. Noch nie habe ich in einer Wohnung gewohnt, in der es so wenig Staub gab wie in dieser. Neulich kam ich am Abend von der Arbeit nach Hause und hatte vor, meine getrocknete Wäsche aufzuräumen. Dann stellte ich fest, dass das bereits erledigt war, konnte mich aber überhaupt nicht daran erinnern, dass ich das selbst gemacht hatte. Eines Abends kam ich ins Badezimmer und bemerkte, dass meine Badewanne innen nass war. Es war fast so, als hätte noch vor kurzem jemand darin gelegen.“ „Moment mal, Petra. Das macht einem ja wirklich Angst, was du da erzählst. Bist du dir sicher, dass es nicht irgendwelche ganz simplen Erklärungen für diese Sachen gibt?“ „Na ja. Es ist vielleicht möglich, dass ich die Wäsche schon aufgeräumt hatte. Ebenso könnte ich unterbewusst auch die Gegenstände verlegt haben. Und da ich selten zu Hause bin, fällt natürlich auch nicht viel Schmutz in der Wohnung an.“ „Und die Sache mit der Badewanne?“ „Auch die wäre möglicherweise zu erklären. Ich habe noch am Morgen geduscht, bevor ich zur Arbeit ging. In meinem Badezimmer gibt es kein Fenster und die Luftzirkulation ist schlecht. Da kann es schon sein, dass sich die Feuchtigkeit über Stunden darin hält. Mir war es nur bisher in diesem Maße nicht aufgefallen.“ Mitfühlend nahm Angelika Petra in den Arm. „Oh je, du Arme. Du scheinst wirklich total überarbeitet zu sein.“ Sie machte eine kurze Pause. „Eines würde mich noch interessieren.“ „Ja, was denn?“ „Wer hat außer dir noch alles einen Schlüssel zu deiner Wohnung?“ „Nur meine Eltern in Blaufelden und natürlich der Vermieter. Aber der wohnt in der Nähe von Ulm und war schon seit über zwei Jahren nicht mehr in der Wohnung. Außerdem kündigt er seine Besuche immer wochenlang im Voraus an.“ „Hast du denn einen Ersatzschlüssel?“ „Ja, klar.“ „Und wo ist der?“ „Normalerweise hängt er am Schlüsselbrett neben der Eingangstüre meiner Wohnung.“ „Weißt du was, Petra. Ich habe eine Idee: Ich komme jetzt mit zu dir und wir schauen nach dem Ersatzschlüssel. Dann rufe ich meinen Freund an und sage ihm, dass ich heute ausnahmsweise bei dir übernachte. Anschließend gehen wir in aller Ruhe zusammen durch deine Wohnung und du überlegst dir, ob alles noch da ist, wo du es hin getan hattest, oder ob dir sonst noch irgendetwas komisch vorkommt. Einverstanden?“ Petra wäre Angelika am liebsten vor Erleichterung um den Hals gefallen. So wie es aussah, hatte sie in Stuttgart endlich eine richtige Freundin gefunden. „Das ist wirklich super nett von dir. Vielen lieben Dank. Und du meinst wirklich, dass das für deinen Freund okay ist?“„Klar doch. Wir hängen so viel aufeinander, da wird er auch mal eine Nacht ohne mich aushalten, oder? Falls du also für mich etwas Gemütliches zum Anziehen, eine Zahnbürste und möglicherweise eine Flasche Rotwein im Hause haben solltest, steht dem Mädels-Abend nichts mehr im Wege.“ „Kein Problem, damit kann ich dienen“, antwortete Petra und war froh, an diesem Abend nicht alleine nach Hause gehen zu müssen.