Leseprobe La Pinède-Der Pinienwald

„Verflixt und zugenäht, Männer … wie konnten wir nur in diesen Schlamassel hineingeraten?“, seufzte Dennis Rathvan und verbarg enttäuscht das Gesicht hinter seinen kalten, zitternden Händen.Wie große Teile seiner Kleidung, des Gesichts und der Haare, waren auch sie über und über mit Blut verschmiert. Er hockte auf dem Boden, hatte die Beine eng an den Körper gezogen und legte den Kopf in den Schoß. Als er nach einigen Augenblicken wieder aufschaute, hatte er Tränen in den Augen. „Das war’s dann wohl, Freunde … Niemals hätte ich gedacht, dass mein Leben eines Tages auf diese Weise enden würde.“Nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens – in Wirklichkeit nur etwa zwanzig Sekunden – war es Kurt Schockenried, der als erster wieder die Sprache fand: „Ich muss dir leider Recht geben, Kleiner. Es sieht nicht gut aus für uns. Aber noch ist nicht aller Tage Abend.“ Zutiefst traurig und ungeheuer wütend zugleich, fauchte der ansonsten so lebensfrohe Holger Grünbaum: „Was soll das heißen: Noch nicht aller Tage Abend? Es ist zappenduster, wenn ihr mich fragt. Schluss, aus, Ende, basta, finito. Unsere Stunden sind gezählt.“ Dann blickte er Mark Scheck an und forderte ihn auf: „Sag doch auch mal was, Mark. Schließlich hast du einen nicht unerheblichen Teil zu diesem Dilemma beigetragen.“ Alle Blicke richteten sich auf Mark, der starr vor sich dreinblickte, während er eine übel riechende Mischung aus geronnenem Blut, Leichenflüssigkeit und Exkrementen von seinen Händen und Unterarmen kratzte. Da er aber keinerlei Anstalten machte, auf Holgers Anschuldigungen einzugehen, sprang Kurt für ihn in die Bresche und entgegnete dem aufgebrachten Holger: „Moment mal, jetzt reicht es aber. Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns nun auch nicht mehr weiter. Außerdem ist das unfair, denn jeder einzelne von uns hätte an irgendeinem Punkt dieser vermaledeiten Geschichte den Lauf der Dinge und somit auch unser Schicksal ändern können. Keinem ist es gelungen. Stattdessen haben wir uns kollektiv durch eigene Dummheiten in diese Situation manövriert. Hör also bitte damit auf, mit dem Finger auf andere zu zeigen und ihnen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Du bist für dieses Desaster genauso verantwortlich wie jeder andere von uns auch.“ Holger stammelte empört: „Wie bitte? Ich … ich soll mich nicht aufregen? Hast du noch alle Latten am Zaun, Kurt Schockenried? Noch nicht einmal vier Tage ist es her, dass ich einer der glücklichsten Menschen auf diesem Planeten war und mich wie ein kleiner Junge auf einen aufregenden Abenteuertrip mit meinen Freunden gefreut habe. Und jetzt … ? Falls ihr Idioten es noch nicht begriffen haben solltet, es ist sprichwörtlich fünf vor zwölf. Ach, was sage ich denn da, es ist bereits eine Minute vor zwölf! Sollte nicht noch ein Wunder geschehen, werden wir diesen gottlosen Ort nicht mehr lebend verlassen, so viel steht fest. Und warum das alles? Weil manche unter uns sich nicht an die vereinbarten Regeln gehalten haben und später auch noch den Helden spielen mussten. “ „Stopp, Holger, das geht definitiv zu weit. Es ist vollkommen normal, dass uns allen in diesen Minuten der Arsch auf Grundeis geht. Aber indem du versuchst, einen Sündenbock für alles zu finden, lenkst du nur von deiner Angst und den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Das ist vollkommen unangebracht und absolut unfair“, unterbrach Dennis Rathvan und stutzte Holger zurecht. Kurt pflichtete seinem jüngeren Kollegen bei: „Dennis hat Recht, Holger. Anstatt uns gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten wir jetzt zusammenhalten. Genau genommen hat keiner von uns an irgendetwas Schuld, es war einfach auch verdammt viel Pech mit im Spiel. Obwohl ich schon über sechzig bin, habe ich mir noch nie Gedanken über die letzten Stunden oder Minuten vor meinem Tod gemacht. Sicher ist aber, dass ich mir alles ganz anders vorgestellt hätte. Es ist häufig beschrieben, dass man unmittelbar vor Eintritt des Todes in Sekundenbruchteilen das gesamte Leben vor dem geistigen Auge vorüberziehen sieht. Da es ganz so weit noch nicht ist, kann ich die Richtigkeit dieser These natürlich nicht bestätigen. Was ich aber weiß, ist, dass ich in den vergangenen Minuten an eine Menge Begebenheiten meines Lebens denken musste. Erstaunlicherweise hatte ich keinen Einfluss darauf, welche das waren. Hätte ich es selbst steuern können, hätte ich mich bestimmt für andere entschieden, denn ich wurde fast ausschließlich mit negativen Erinnerungen konfrontiert. Und ja, ich bereue verflucht nochmal viele Dinge, die ich getan oder nicht getan habe. Die Dinge, die ich nicht getan habe, setzen mir aber deutlich heftiger zu. Wie ein hässlicher roter Faden ziehen sie sich durch mein ganzes Leben und könnten hier nun tatsächlich ein dazu passendes Ende finden. Traurig, aber wahr. So ist es nun einmal, Freunde …“ Holger winkte ab: „Netter Vortrag, Kurt. Aber was willst du uns eigentlich damit sagen? Sollen wir dich etwa bemitleiden? Nein, mein Lieber, das kannst du knicken. Ich sag’s dir ja nur ungern, aber die blöde Art, mit der du dich unentwegt bescheuert und missverständlich ausdrückst, geht mir schon seit Jahren auf den Geist. Du bist wortfaul, ruppig, teilweise unqualifiziert und obendrein auch noch ignorant. Und wo wir schon mal dabei sind: Wenn du vorhin nicht so einen vorlauten Unsinn von dir gegeben, sondern einfach mal deine Klappe gehalten hättest, würden wir jetzt womöglich noch eine klitzekleine Chance haben, irgendwie heil aus der Sache herauszukommen. Aber jetzt ist es endgültig vorbei, denn …“ Dennis fuhr dem verzweifelten Holger energisch in die Parade: „Jetzt reicht es aber endgültig, Holger! Mach mal halblang. Oder willst du etwa, dass wir uns hier noch gegenseitig an die Gurgel gehen und denen damit die Arbeit abnehmen? Wir haben uns das alle gemeinsam eingebrockt. Am Ende ist alles nur ein bescheuerter Zufall und nichts weiter als unsägliches Pech. Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Schicksal eben, so hart das auch klingen mag.“ „Ach ja? Ist es wirklich so einfach? Tut mir leid, aber mit dieser lapidaren Sichtweise kann ich mich ganz und gar nicht anfreunden“, widersprach Holger giftig. „Ob es dir passt oder nicht, Holger – Dennis liegt verdammt richtig mit dem, was er da sagt. Anstatt uns gegenseitig zu beschuldigen, sollten wir besser darüber nachdenken, wie wir vielleicht doch noch den Kopf noch aus der Schlinge ziehen können“, sagte Kurt. „Kurt hat Recht. In Büchern und Filmen gibt es meistens noch eine Rettung in letzter Sekunde“, ergänzte Dennis mit einer gehörigen Prise Galgenhumor. „Das hier ist aber kein Kino und kein Buch, sondern die gnadenlose Realität! Und die sieht leider so aus, dass wir in einer Holzhütte inmitten eines endlosen Pinienwaldes an der französischen Atlantikküste gefangen sind und auf unsere Hinrichtung warten. Ich glaube nicht, dass Superman schon auf dem Weg ist, um uns zu retten“, haderte Holger weiter mit dem Schicksal. „Allzu große Hoffnungen auf Hilfe von außen habe ich auch nicht gerade. Daher schlage ich vor, dass wir versuchen, uns selbst zu helfen. Ich bin der Ansicht, dass wir diesen Schweinepriestern alles entgegen setzen müssen, was noch in uns steckt, auch wenn das nicht mehr allzu viel ist. Den Mut der Verzweiflung können sie uns nicht nehmen. Stimmt’s oder hab‘ ich Recht, Männer?“, zeigte sich Kurt kämpferisch. Mark Scheck hatte der Diskussion bisher scheinbar völlig teilnahmslos beigewohnt, doch nun meldete auch er sich mal wieder zu Wort: „Wenn wir das hier nicht überleben sollten, werden wir in der Hölle noch genug Zeit haben, uns mit der Schuldfrage zu beschäftigen. Sollte es so etwas wie die Hölle geben, besteht für mich kein Zweifel daran, dass wir uns dort allesamt wieder treffen werden. Und wenn nicht, ist es auch egal, denn vorbei ist vorbei. Doch bevor es soweit ist, dürfen wir nicht aufgeben. Kurt und Dennis haben Recht: Wir müssen unsere letzten Kräfte bündeln, unseren Grips aktivieren und kämpfen. Das Spiel ist erst zu Ende, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat. Bis dahin ist theoretisch alles möglich.“ Es schien so, als ginge jeder der vier in sich. Wenig später ergriff Dennis Rathvan die Initiative und robbte auf Knien über den Holzboden bis in die Mitte des kleinen Raumes. Er streckte Mark seine Hand zu und sagte: „Genauso machen wir es. Eine andere Wahl haben wir nicht. Ich bin dabei, wie steht es mit euch, Jungs?“ Mark griff nach Dennis‘ Hand und nickte entschlossen. Kurt Schockenried kam näher und schlug ebenfalls ein. Dabei packte er mit seiner Pranke von oben die Hände seiner Freunde und gab sich kämpferisch: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder verlassen wir diesen verdammten Ort lebend und erhobenen Hauptes oder sie müssen uns mit den Füßen voran von hier weg tragen und verbuddeln, verbrennen oder sonst was. Eine andere Variante werden wir nicht zulassen, einverstanden?“ Kurt, Mark und Dennis schauten auf Holger, der keine Reaktion zeigte. Einen Augenblick später schien er plötzlich wieder ganz der Alte zu sein: Er krabbelte heran und schlug mit ein. Dicke Tränen kullerten aus seinen Augen, als er reumütig sagte: „Es tut mir so furchtbar leid, Leute. Ich weiß nicht, was eben in mich gefahren ist. Bitte verzeiht mir. Aus mir sprach wohl die pure Verzweiflung. Aber ihr wisst doch, dass ich eigentlich nicht so bin, oder? Ich habe euch doch alle gleichermaßen so furchtbar gern und wollte ganz gewiss niemandem ans Bein pinkeln. Mir ist klar, dass keiner von uns irgendetwas für die absurde Situation kann. Ich habe einfach so fürchterliche Angst – wie noch nie zuvor in meinem Leben.“ Er straffte so gut es ging den Rücken, dann fuhr er mit fester Stimme fort: „Aber jetzt ist Schluss mit dem Selbstmitleid. Männer, was wir schon alles gemeinsam durchgestanden haben, reicht für zwanzig Menschenleben. Warum sollten wir dann nicht auch noch das hier schaffen? Wär doch gelacht, oder?“