Leseprobe Fall FÜNF

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„Notrufzentrale Stuttgart – wie kann ich Ihnen helfen?“, meldete sich Charlotte Hengnacher so, wie sie es immer tat. Die gedämpfte Stimme eines Mannes antwortete zögerlich: „Ich … ich möchte einen Mord melden.“ So eine Meldung war keineswegs alltäglich. Bei Charlotte schrillten sofort sämtliche Alarmglocken. Sie war aufmerksam und konzentriert. Gleichzeitig blieb sie gelassen und stellte souverän die erforderlichen Fragen: „Bitte bleiben Sie ganz ruhig und nennen mir Ihren Namen und die Adresse, an der Sie sich befinden und sagen mir, wer außer Ihnen anwesend ist. Anschließend schildern Sie bitte kurz, was passiert ist.“ „Noch ist gar nichts passiert …“, sagte der Mann. Charlotte wiederholte: „Bitte nennen Sie mir Ihren Namen und den Ort, an dem Sie sich befinden. Sonst können wir Ihnen nicht helfen!“ „Ich fürchte, Sie verstehen nicht …“, entgegnete der Anrufer. „Ich kann Sie gut hören. Und ich frage Sie noch einmal: Wie heißen Sie? Wo sind Sie? Und was ist passiert? Beantworten Sie mir bitte diese Fragen, dann wird so schnell wie möglich Hilfe zu Ihnen unterwegs sein.“ „Mir kann niemand mehr helfen …“ „Vielleicht ja doch. Worum geht es? Bitte reden Sie mit mir. Wer wurde ermordet?“ „Noch niemand“, blieb der Mann weiter einsilbig. „Was soll das heißen … Noch niemand? Sie sprachen eingangs davon, dass Sie einen Mord melden wollen …“ „Das stimmt. Das Besondere daran ist, dass der Mord noch nicht geschehen ist.“ Charlotte war vollends verwirrt. So etwas hatte sie in all den Jahren ihrer Tätigkeit noch nicht erlebt. Hilfesuchend schaute sie sich um. Es waren nur wenige Kollegen anwesend. Und diejenigen, die da waren, befanden sich selbst in Gesprächen, so dass sie niemand um Unterstützung bitten konnte. Da half es ihr in diesem Moment reichlich wenig, dass das Gespräch – wie alle eingehenden Notrufe – aufgezeichnet wurde. Der Eingangsserver verriet ihr nichts über den Anrufer, denn die Nummer war unterdrückt. Die Gesprächsqualität war allerdings sehr gut, so dass davon auszugehen war, dass der Anruf entweder von einem Festnetztelefon oder von einem Mobilfunktelefon kam, das sich in einem Bereich mit guter Netzabdeckung befand. „Es wurde also niemand getötet?“, fragte sie. „Nein, noch nicht.“ „Bitte erklären Sie mir, wer wen beabsichtigt zu töten. Sind Sie es etwa selbst, der jemanden ermorden möchte?“ Für einige Augenblicke herrschte Stille, bevor der Anrufer sagte: „Ich möchte den Mord an mir selbst melden.“ Charlotte war außer sich. „Um Gottes Willen, beabsichtigen Sie etwa, Selbstmord zu begehen? Bitte … tun Sie es nicht. Es gibt für alles eine Lösung, die in jedem Fall besser ist als das.“ „Was wissen Sie denn schon …“, antwortete der Mann fast gleichgültig und fügte hinzu: „Es kann erlösend sein, wenn die Lasten des Lebens endlich von einem genommen werden.“ „Hören Sie, ich weiß zufälligerweise eine Menge über Schicksalsschläge, unerfüllte Wünsche und geplatzte Träume. Bitte glauben Sie mir, nichts von alldem ist es wert, dass wir unserem Leben selbst ein Ende setzen. Das hat die Natur nicht so vorgesehen. Bitte, tun Sie es nicht. Eines Tages werden Sie verstehen und mir Recht geben. Also, wer sind Sie? Und wo können wir Sie finden?“ „Die Natur hat so manches nicht vorgesehen, und dennoch geschieht es.“ Charlotte flehte förmlich: „Bitte, sprechen Sie endlich mit mir, damit wir Ihnen helfen können!“ „Sie wollen, dass ich mit Ihnen rede? Also gut … Dann lassen Sie uns reden.“ Charlotte riss allmählich der Geduldsfaden: „Hier spricht aber nicht die verdammte Telefonseelsorge, sondern die Notrufzentrale der Stadt Stuttgart. Für therapeutische Gespräche bin ich der falsche Ansprechpartner. Meine Aufgabe ist es zu veranlassen, dass Ihnen so schnell wie möglich geholfen werden kann. Das kann ich aber nur tun, wenn Sie mir einige Informationen geben. Können oder wollen Sie das nicht begreifen?“ „Ich verstehe Sie sogar sehr gut. Aber es ist zu spät. Niemand wird mir mehr helfen können“, entgegnete der Anrufer. Charlotte hatte für einen Moment den Eindruck, er habe nach Luft geschnappt. „Hallo, geht es Ihnen gut?“, wollte sie wissen. Hustend kam die Antwort: „Nein, mir geht es ganz und gar nicht gut. Jegliche Hilfe käme für mich jedoch zu spät.“  „Hilfe ist immer möglich, man muss sie nur wollen. Sie allerdings möchten anscheinend keine? Wenn dies so ist, dann legen Sie jetzt bitte auf und verschwenden nicht weiterhin meine Zeit. Wenn Sie schon selbst keine Unterstützung annehmen möchten, sollte Ihnen klar sein, dass Sie die Leitung für andere Menschen blockieren, die in ihrer Not dringend auf Hilfe angewiesen sind und diese auch gerne in Anspruch nehmen möchten.“ „Da haben Sie nicht ganz Unrecht. Aber wissen Sie was?“ „Nein, was denn?“ „Ich hätte es gar nicht verdient, Hilfe zu bekommen. Inzwischen ist mir das alles aber scheißegal, denn ich lande sowieso in der Hölle. Ob ich nun noch ein weiteres Menschenleben zerstöre, indem ich die Notrufleitung blockiere, ist unwichtig.“ „Sie fangen langsam aber sicher an, mir gehörig auf die Nerven zu gehen. Wenn Sie in Selbstmitleid zergehen und sich umbringen wollen … bitteschön. Dann ist das ganz allein Ihre Entscheidung. Für mich zählt jedes einzelne Menschenleben. Und wenn ich das eine – nämlich das eines nach eigenen Angaben ohnehin zur Verdammnis verurteilten Selbstmörders – nicht retten kann, dann darf das nicht zu Lasten vieler anderer gehen. Haben Sie das verstanden?“ „Wenn ich Ihnen egal bin, dann legen Sie doch einfach auf. Wer hindert Sie denn daran? Bedenken Sie jedoch eines: Wenn man mich in den nächsten Tagen vermissen wird, ein fürchterlicher Gestank nach außen dringt und die Polizei schließlich meine von Insekten zerfressene Leiche gefunden haben wird, dann werden Sie es bereuen. Würden Sie damit für den Rest Ihres Lebens klar kommen?“ Charlotte war verzweifelt. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was der Mann am anderen Ende der Leitung bezweckte. Es schien fast so, als spielte er auf Zeit. Also beschloss sie, ihre Taktik zu ändern, um ebenfalls Zeit zu gewinnen, bis ihr möglicherweise jemand helfen konnte. Sie gab sich gesprächsbereit: „Was hat Sie in diese ausweglose Lage gebracht, in der Sie sich jetzt befinden?“ Der Anrufer atmete schwer und hustete abermals, als er antwortete: „Na also, es geht doch. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Endlich wollen Sie mit mir reden. Und bevor Sie mir meine Aussage bezüglich des Willens und des Weges gleich um die Ohren hauen, sei gesagt, dass mein Wille unwiderruflich gebrochen wurde. Es kann keinen Ausweg mehr für mich geben.“ „Erklären Sie mir doch bitte, warum Sie sich selbst töten wollen“, forderte sie ihn auf. „Ich habe nie gesagt, dass ich mich selbst töten möchte. Ich sprach lediglich davon, dass ich einen Mord melden möchte, und zwar den an mir selbst.“ „Heißt das etwa, dass Sie bedroht werden? Ist jemand bei Ihnen?“, wollte Charlotte wissen. „So könnte man es ausdrücken. Doch aus der Bedrohung wurde nun Gewissheit. Es ist aus und vorbei.“ „Ich frage Sie nochmals: Sind Sie alleine oder nicht?“ Erneut wich er der Frage aus. Eine gehörige Portion Zynismus schwang in seiner Stimme mit, als er sagte: „Angeblich sind wir doch niemals alleine. Gott der Allmächtige und sein Sohn Jesus Christus sind immer bei uns – auch in den schwersten und dunkelsten Stunden.“ „Antworten Sie doch bitte endlich auf meine Frage und weichen Sie nicht dauernd aus. Ich wiederhole: Ist in diesem Moment noch jemand bei Ihnen?“ Es klang gequält, dennoch ließ sich der Mann zu einem leisen Lachen hinreißen: „Ihre Vermutung ist richtig: Ich bin nicht alleine. Jemand ist bei mir, nämlich der Mensch, der mich bald getötet haben wird. Er versicherte mir aber, dass er gleich gehen werde, damit wir beide ungestört sind, meine Liebe.“ „Er? Ist es ein Mann, der Sie töten will? Ich flehe Sie an, sagen Sie mir doch endlich, wo wir Sie finden können!“ „Es ist zu spät. Ich habe höchstens noch fünf oder sechs Minuten zu leben. Tun Sie mir einen Gefallen?“, fragte er unter einer schweren Hustenattacke, während seine Stimme immer schwächer wurde. „Wenn … wenn ich kann“, geriet Charlotte etwas ins Stottern. „Wollen Sie mich in diesen, meinen letzten Minuten, begleiten? Es wäre mir eine Ehre.“ „Ja, natürlich begleite ich Sie am Telefon. Was habe ich denn für eine Wahl?“ „Ich finde, wir sollten die verbleibende Zeit nutzen, um uns etwas besser kennenzulernen. Was halten Sie davon?“, schlug er vor. „Meinetwegen …”, lenkte Charlotte notgedrungen ein. Trotz allem noch zu einem ironischen Kommentar fähig, entgegnete er: „Nicht so enthusiastisch, meine Liebe. Erzählen Sie mir doch etwas über sich. Wie heißen Sie eigentlich?“ Charlotte wusste nicht, was sie tun sollte, entschied sich jedoch dazu mitzuspielen. „Ich heiße Charlotte. Sind Sie im Gegenzug bereit, mir auch Ihren Namen zu verraten?“ „Nicht so schnell, Charlotte. Mich würde noch brennend interessieren, wie alt Sie sind. Doch bevor Sie antworten, lassen Sie mich raten. Achtundzwanzig?“ „Ich bin zweiunddreißig Jahre alt.“ „Dann lag ich ja gar nicht so falsch. Um ehrlich zu sein, hatte ich Sie auch ein wenig älter eingeschätzt, ich wollte nur nicht unhöflich erscheinen.“ „Wie aufmerksam von Ihnen. Ich denke aber, dass es in unserer Situation nicht um den Austausch von Höflichkeiten geht, oder?“, entgegnete Charlotte zynisch. „Bitte, Charlotte … es ist nicht die Zeit für Zynismus. Verraten Sie mir lieber, ob Sie verheiratet sind und Kinder haben?“ „Das geht Sie nichts an.“ „Ich bitte Sie, diese Informationen sind in Anbetracht der Lage wirklich nicht besonders persönlich, oder?“ „Nun gut“, lenkte Charlotte ein und fuhr fort: „Ich bin nicht verheiratet, habe aber einen liebevollen Freund und Partner, der auch gleichzeitig der Vater meines ungeborenen Kindes ist. Ich bin im fünften Monat schwanger“. Er hustete kräftig und klatschte dabei in die Hände. „Oh, wie schön. Meine allerherzlichsten Glückwünsche. Es schließt sich die obligatorische Frage an: Wird es ein Junge oder ein Mädchen?“ „Anhand der bisherigen Untersuchungsergebnisse deutet alles darauf hin, dass es ein Junge ist. Endgültig weiß man das aber erst, wenn das Kind auf der Welt ist. Wir wären nicht die ersten Eltern, die diesbezüglich eine faustdicke Überraschung erleben. Auch die moderne Medizin kann mal irren.“ „Wie Recht Sie doch haben. Ich gratuliere. Wie soll der kleine Mann denn heißen?“ „Das wissen wir noch nicht.“ „Ich hatte auch mal einen Sohn.“ „Sie sprechen in der Vergangenheit von ihm. Bedeutet das, dass er nicht mehr am Leben ist oder haben Sie sich mit ihm überworfen?“ „Er ist schon seit vielen Jahren tot.“ „Das tut mir aufrichtig leid.“ „Ja, allen tut es immer so furchtbar leid. Aber in Wirklichkeit sind die Heuchler doch nur froh darüber, dass sie nicht selbst von einem solchen Schicksalsschlag heimgesucht wurden. Aber Ihnen, Charlotte, nehme ich Ihr Mitgefühl ab. Ich denke, Sie sind ein guter Mensch. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Daher habe ich noch eine letzte Frage an Sie, bevor ich gleich sterben werde.“ Ein starker Hustenanfall hinderte ihn daran, fortzufahren. Die Stimme klang immer schwächer und verwaschener, fast so, als hätte er Schmerzen beim Sprechen. „Sind Sie bereit, mir diese Frage zu beantworten?“ „Das hängt davon ab, um welche Frage es sich handelt?“ „Sie besteht aus zwei Teilen: Erstens, was war der bisher schönste Moment Ihres Lebens? Und Zweitens, was war der Schlimmste?“ „Das ist wirklich sehr persönlich. In Anbetracht der absurden Situation, in der wir uns jedoch befinden, werde ich darauf antworten. Aber nur unter einer Bedingung …“ „Und die wäre?“ „Sie werden mir dieselben Fragen ebenfalls ehrlich beantworten.“ „Alles klar, Charlotte. Das werde ich tun, versprochen. Schießen Sie los!“ „Der schönste Moment meines Lebens war, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Es ist unser absolutes Wunschkind und wir sind unendlich glücklich darüber, eine gemeinsame Familie gründen zu können. Das soll nicht bedeuten, dass ich nicht noch viele weitere schöne Momente gehabt hätte, aber dieser war ganz bestimmt der Allerbeste!“ „Kommen wir nun zum schlimmsten Moment Ihres Lebens?“ „Halt, nicht so schnell. Bevor ich weiter antworte, müssen Sie mir vom schönsten Moment in Ihrem Leben erzählen. Nicht vergessen, wir hatten eine Abmachung.“ „Okay, das ist nur fair. Ich will mich sehr kurz fassen, denn ich spüre bereits, wie das Leben aus meinem Körper weicht …“ „Sie atmen so schwer. Was geschieht mit Ihnen?“, wollte Charlotte wissen, die bis vor einigen Augenblicken noch einen kleinen Rest Hoffnung gehabt hatte, dass sich die ganze Angelegenheit am Ende doch noch als völlig harmlos entpuppen würde. „Es geht zu Ende, das ist alles. Doch nun zurück zu deiner Frage … und entschuldige bitte, dass ich ungefragt zum du übergehe. Aber ich denke, dass der Mensch, mit dem man die letzten Minuten seines Lebens teilt, nicht gesiezt werden sollte. Einverstanden?“ „Ja, das geht in Ordnung.“ „Ich hatte einen Sohn. Seine Geburt war der schönste Moment meines Lebens. Niemals werde ich den Moment der vollkommenen Glückseligkeit vergessen, als ich das kleine, wundervolle Wesen in meinen Armen hielt.“ Er hustete wieder heftig und fuhr fort: „Die Zeit spielt nun unerbittlich schnell gegen mich, Charlotte. Daher verrate ich dir auch gleich, dass sein Tod der fürchterlichste Moment meines Lebens war. Kein Kind sollte vor seinen Eltern gehen. Das ist gegen die Regeln. Damals ist meine Welt zerbrochen, und die Scherben konnte ich nie mehr zusammensetzen, so sehr ich mich auch bemühte.“ „Das tut mir sehr leid. Dennoch verstehe ich nicht ganz, was Sie meinen. Es ist doch nachvollziehbar, dass man vollkommen aus der Bahn geworfen wird, wenn das eigene Kind stirbt.“ Charlotte konnte ihren Satz nicht vollenden. Hinfällig war damit auch der Part der Abmachung ihrerseits, vom schlimmsten Moment des Lebens zu erzählen. Sie wurde jäh unterbrochen, als der Mann seine letzten Kräfte bündelte, um mit langsamer Stimme, schwer schnaufend mitzuteilen: „Charlotte, seit wenigen Sekunden bin ich endlich alleine und es gibt keine Waffe mehr, die auf mich gerichtet ist. Nun kann ich offen sprechen: Bitte helfen Sie mir. Mein Name ist Elmar Bischof und ich befinde mich in meiner Kanzlei in der Solitudestraße in Stuttgart-Weilimdorf.“ Charlotte notierte sofort den Namen und die Adresse. Dann machte sie den Fehler, dass sie keine weiteren Fragen nach dem Täter stellte. Sie brachte es einfach nicht übers Herz, dem offenbar sehr schnell immer schwächer und leiser werdenden Menschen am anderen Ende der Leitung in seine wahrscheinlich letzten Worte zu fallen. Diese waren: „Leben Sie wohl, Charlotte. Es tut mir von Herzen leid, dass Sie das neue Jahr 2018 mit mir und vor allem auf diese Weise beginnen mussten. Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe. Sie hatten zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Chance, mich zu retten. Alles Gute für Sie, Ihren Partner und das Kind. Passen Sie gut auf sich auf und halten Sie das Glück so fest Sie können. Man sieht den Moment nämlich nicht kommen, in dem es einem entrissen wird. Machen Sie es besser als ich …“ Charlotte rief ins Telefon: „Herr Bischof … hallo … so sagen Sie doch etwas!“ Doch es kam nichts mehr. Etwa dreißig Sekunden wartete Charlotte Hengnacher noch auf eine Antwort, bevor sie auflegte und die Rettungskräfte verständigte, die schon wenige Minuten später in der Solitudestraße eintrafen.