Leseprobe EINS

Lesen Sie hier exklusiv den spannenden Anfang des Romans “Eins” von Jeremias Trumpf:

A+L 23.7.97“, und rechts daneben war auf gleicher Höhe ein stark tailliertes Herz gemalt, welches im Verhältnis zur übrigen Schrift überproportional groß erschien. Die Schreibweise ließ keine Rückschlüsse auf Alter oder Geschlecht des Schreibers oder der Schreiber zu. Das Herz dominierte den Schriftzug, so dass die Emotionalität fast spürbar wurde, mit welcher es vor mehr als fünfzehn Jahren in diesen großen Trümmerstein eingeritzt wurde. Der Stein hatte eine relativ ebene Fläche und lag schräg vor einer Gruppe kleinerer Gesteinsbrocken, die wie Logenplätze vor einem Gemälde erschienen. Die Inschrift wurde wahrscheinlich mit einem anderen, härteren Stein eingeritzt. Und Steine hatte es hier ja schließlich mehr als genug. Wofür mochte A+L wohl stehen? Für Annika und Lars? Für Andreas und Lena? Oder waren es die Initialen eines gleichgeschlechtlichen Paares? Vielleicht Arndt und Leon? Oder Alexandra und Lara? Ein warmes, geborgenes Gefühl durchströmte seinen Körper beim Gedanken an glückliche Menschen, die hier schöne und unbeschwerte Momente erlebt hatten. Momente, nach denen er in seinem Leben bisher so unablässig gesucht hatte. Es gab da schon den ein oder anderen glückseligen Augenblick, aber die konnte er an den Fingern seiner beiden Hände abzählen und das war doch wohl zu wenig für einen achtundzwanzigjährigen, jungen Mann. Das konnte noch nicht alles gewesen sein. Was hatten all diese Menschen hier erlebt? War es nur ein flüchtiges Date oder die große Liebe? Hatten sich nur zwei turtelnde Menschen ein paar Meter von der Gruppe entfernt, um ungestört zu sein? Was wohl aus den Menschen und ihrer wie auch immer gearteten Beziehung geworden ist?

Und die Geschichte all der Trümmersteine die hier lagen. Gehörten sie einst zu den Häusern stolzer und glücklicher Menschen? Zu guten Menschen? Zu bösen Menschen? Was für Dramen und Tragödien, was für Feste und Freuden hatten sich hinter diesen Steinen abgespielt? Der Gedanke faszinierte ihn und erfasste ihn zugleich mit Ehrfurcht.
„Dieser Berg, nach dem zweiten Weltkrieg aufgetürmt aus den Trümmern der Stadt steht den Opfern zum Gedenken und den Lebenden zur Mahnung“. So steht es auf einer an den Trümmern angebrachten Tafel.
In der Dunkelheit hatten diese völlig inhomogen aufgetürmten Trümmersteine etwas Majestätisches, in der Erhabenheit, mit welcher sie auf diesem Berg fast dreihundert Meter über Stuttgart thronten. Das Mondlicht dieser klaren Septembernacht und die feinstaubverschleierten Lichter der Innenstadt, die über dem Stuttgarter Westen auf dem Weg nach oben nur noch einen Bruchteil ihrer Intensität entfalten konnten, tauchten den Birkenkopf in ein trügerisches Zwielicht. Umrisse schienen auch auf einige Entfernung klar erkennbar, doch das Gefühl für die Dreidimensionalität war kaum noch vorhanden. Nur vage war zu erkennen, wo sich Abgründe auftaten oder Abhänge talwärts stürzten. Wie tief lagen die als nächstes erreichbaren Absätze wirklich? Wenn er sich hier oben nur etwas besser ausgekannt hätte. Zu selten war er bisher hier gewesen. Es war überhaupt erst das dritte Mal. Zuletzt vor etwa zwei Jahren, als seine Schwester ihn besuchte und an einem Sonntagnachmittag alle im Reiseführer aufgeführten Besonderheiten der Region Stuttgart und Umgebung abklappern wollte.

Was sollte er nun tun? Am liebsten wäre er in eine Art Schockstarre verfallen und würde den Dingen ihren Lauf lassen. Aber er wollte noch nicht sterben. Irgendwann sicher, aber nicht hier und nicht jetzt. So gerne hätte er zu den vielen, glücklichen Menschen gehört. Der unerschütterliche Glaube daran hatte ihn schon viel erleben lassen, Trauriges und Schönes. Dieser Glaube hatte ihn auch heute hierher geführt. Eine in Stein geritzte Nachricht für alle Menschen, die hier hoch kommen und dann lesen sollten: „S+T 1.9.12“. Das wäre wundervoll gewesen.

Langsam erhob er sich aus seinem Kniestand. Die den Unterschenkel versorgenden Blutgefäße waren durch die kniende Position über einen längeren Zeitraum abgeknickt gewesen, dadurch fühlten sich seine Beine schwer an. Gefolgt von einem starken Kribbeln, erfüllte die wieder zunehmende Perfusion seine Beine und Füße mit Leben. Getrocknetes Blut ließ seine Jeanshose an den Knien kleben. Eine klaffende Schnittwunde an der linken Hand bewirkte eine völlige Gefühllosigkeit vom Daumen bis zum Mittelfinger. Beruhigt stellte er jedoch fest, dass er alle Finger noch bewegen konnte. Er sah sich in der nächtlichen und trügerisch reizvollen Umgebung um. Wenn er sich etwa fünf Meter nach hinten und leicht bergauf schleichen konnte, hätte er unter Umständen die Möglichkeit, über den Abhang einen weiter unten liegenden Bereich, des sich ringförmig um den Gipfel windenden Teil des Weges, zu erreichen. Dann wäre er zumindest einen kleinen Schritt weiter und vielleicht gelänge es ihm, sich irgendwie durchs Unterholz bis ins Tal durchzuschlagen und an der vorbeiführenden Bundesstraße ein Auto anzuhalten. Leicht gebückt schaute er in alle Richtungen. Ungefähr fünfzehn Meter vor ihm befand sich rechter Hand das imposante Gipfelkreuz und vor dem Horizont die von den Wipfeln der Bäume gezogene Skyline, aus welcher der Fernsehturm mit seinem charakteristischen Leuchten hervorragte. Der Scheinwerfer kreiste erst einmal und kurz darauf ein zweites Mal, bevor der Zyklus nach einer endlos scheinenden Pause immer wieder von neuem begann.
Von seinem Verfolger war nichts zu sehen oder zu hören.

Weiterhin gebückt bewegte er sich einige Meter bergauf und schaute auf den weiter unten liegenden Weg. Das waren mindestens fünfzehn, eher sogar zwanzig oder fünfundzwanzig Meter. Es ging sehr steil bergab, aber der Hang bestand abgesehen von einigen Sträuchern und vereinzelten Gesteinsbrocken, vorwiegend aus Gras. Das war seine Chance. Hinunter laufen oder rennen war unmöglich. Er würde unweigerlich stürzen. Wenn er sich aber schwungvoll seitlich hinunterkullern würde, dann könnte er mit etwas Glück im nassen Gras ohne schlimmere Verletzungen unten ankommen. Er nahm drei schnelle Schritte Anlauf und stürzte sich mit einer Hechtrolle über die rechte Schulter in die Tiefe. Es folgte eine Achterbahnfahrt mit immer wiederkehrenden Schlägen gegen Kopf und Rumpf. Seine Arme und Beine schleuderten völlig unkontrolliert durch die Luft, bis er nach einem heftigen Aufprall endlich zum liegen kam. Als er die Augen öffnete, spürte er wie Kälte vom Hinterhaupt kommend, seinen Kopf umschloss. Wie lange hatte er wohl hier gelegen? Er hörte das starke Rauschen der Bäume, die begannen, sich im Wind zu biegen. Erste, dicke Regentropfen trafen seinen auf dem Rücken liegenden Körper. Als er mit der flachen Hand seinen Kopf abtastete, stellte er fest, dass er eine blutende Wunde am Hinterkopf hatte. Er fühlte sich jedoch völlig klar. Seine Augen waren weit aufgerissen und jede Muskelfaser seines Körpers war angespannt. Er war jetzt bereit, um sein Leben zu kämpfen.

Er hatte es tatsächlich geschafft vom Gipfel wegzukommen, ohne dem vorgegebenen Fußweg zu folgen, welcher ihn mit ziemlicher Sicherheit in die Arme seines Peinigers geführt hätte. Jetzt war der nächste Schritt an der Reihe. Er blickte entlang der kniehohen Mauer, an deren Rand sich links des Weges die Birken in mehreren Metern Abstand ins Tal reihten. Die Unterschlupfhütte, welche einer Bushaltestelle glich, konnte nicht mehr weit sein. Doch diese offensichtliche Route durfte er nicht wählen. Er musste weiterhin einen für seinen Gegner unvorhersehbaren Weg nach unten nehmen. Die Straße war schon deutlich lauter zu hören, als noch vorhin auf dem Gipfel. Hastig überquerte er mit langen Schritten den asphaltierten Weg, um sofort wieder im Unterholz zu verschwinden und den Schutz der Bäume und der Nacht als seinen Verbündeten zu nutzen. Er sprang und rannte über Äste, Wurzeln und Gestrüpp. Das regennasse Laub erschwerte die Bodensicht. In einiger Ferne wurden immer wieder Lichtblitze vom nassen Boden reflektiert. Das mussten bereits Autoscheinwerfer von der Bundesstraße sein, die ihre Lichtkegel zwischen den dicht stehenden Bäumen durch schickten. Bald hatte er es geschafft. Er rannte immer schneller und verlor zunehmend die Kontrolle. Wenn er jetzt in ein Loch oder auf einen großen Stein trete, würde er umknicken und sich bestimmt das Bein brechen. Im nächsten Moment konnte er ein splitterndes Geräusch wahrnehmen, in etwa so, als ob ein großer Ast gebrochen wäre. Das linke Bein sackte ihm aus vollem Lauf zur Seite weg, und er wurde mit Wucht zu Boden geschleudert. Dabei prallte er gegen einen kleinen Baum, dessen zahlreiche Äste seinen Einschlag aber glücklicherweise abfedern konnten. Jetzt erst nahm er den entsetzlichen Schmerz wahr. Er griff an sein linkes Bein und riss sich die ohnehin schon verletzte linke Hand an etwas Scharfkantigem auf. Das musste ein Ast oder so etwas Ähnliches gewesen sein. Er lag mit dem Gesicht im matschigen Waldboden. Überall klebten nasse Blätter an ihm. Er konnte die Straße immer deutlicher hören. In diesem Moment sah er in einiger Entfernung eine menschliche Silhouette regungslos zwischen zwei Bäumen stehen. Das Gesicht war ihm zugewandt, er konnte es aber nicht eindeutig erkennen. Wie hatte er ihn bloß gefunden? Hatte er es doch nicht geschafft, ihn abzuschütteln? Sein Herz fing an zu rasen, er spürte, wie seine Pulsschläge bis unter die Schädeldecke fortgeleitet wurden. Er atmete so schnell und so laut, dass er nicht bemerkte, wie beim Aufstehen erneut ein splitterndes Geräusch zu hören war. Unmittelbar darauf klappte er wieder in sich zusammen. Sein linker Unterschenkel war oberhalb des Knöchels durchgebrochen und der Fuß hing nur noch an seinen Weichteilen. Es war der Knochen gewesen und kein Ast, der sich durch seine Hose gebohrt und ihn beim Tasten an der Hand verletzt hatte. Auf dem Boden liegend hielt er in der Dunkelheit nach der Person Ausschau, die noch vor wenigen Augenblicken dort drüben gestanden hatte. Er konnte sie nicht mehr sehen. Verzweifelt versuchte er, sich robbend fortzubewegen. Der Schmerz wurde immer stärker und er spürte, wie die Kraft langsam aus seinem Körper wich.

Er fühlte sich entsetzlich müde. Die Scheinwerferblitze zwischen den Bäumen schienen zum Greifen nahe. Die rettende Straße war höchstens noch zwanzig oder dreißig Meter entfernt. Eine schwere Last drückte mit einem Mal von hinten auf seinen Rücken. Mit aller Kraft versuchte er weiter zu robben, kam aber nicht mehr von der Stelle. Mit Wucht wurde er aus der Bauchlage auf den Rücken geschleudert und sah ihn nun über sich. Er versuchte vergeblich sich zu winden, aber ein Bein stand mit vollem Gewicht auf seinem Brustkorb und fixierte ihn am Boden. Das Mondlicht verlieh dem Mann über ihm eine fast glamouröse Gestalt. Nach einem lauten Zischen spürte er eine Enge an seinem Hals gefolgt von einem warmen Gefühl, welches seinen ganzen Körper zu erfassen schien. Die Schmerzen ließen nach, und seine Angst war plötzlich verschwunden. Durch die dichten Laubbäume hindurch konnte er, vorbei an der Gestalt, einen viel helleren Himmel sehen als noch vor wenigen Augenblicken. Es hatte wohl aufgehört zu regnen und der Mond hatte die Wolken fast völlig verdrängt. Endlich würde doch noch alles gut werden.

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