Leseprobe ZWEI

Sonntag, 21. August 1983

Nikolai war völlig entkräftet. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte er nichts mehr gegessen und getrunken. Er konnte überhaupt nicht einschätzen, wie lange er nun schon in diesem kühlen, steinernen und finsteren Gefängnis eingesperrt war. Vor lauter Erschöpfung war er immer wieder eingeschlafen. Er vermisste seine Eltern und seine Schwester, er vermisste sein Zuhause und seine Freunde. Wie war er nur hierher gekommen und wer hatte ihn hier eingesperrt? War es der Fotograf gewesen? Aber warum? Nikolai hatte ihm doch nichts getan! Er war wie immer höflich und freundlich gewesen, ganz so, wie seine Eltern es ihm beigebracht hatten. „Bringe allen Menschen das gleiche Maß an Höflichkeit und Respekt entgegen, das Du Dir von ihnen wünschst, dann werden sie Dich behandeln wie einen Freund!“, klangen die Worte seines Vaters in seinen Ohren. Das hatte er doch auch getan, oder etwa nicht? Nein, der Fotograf hatte ihn bestimmt nicht in dieses Verlies gesperrt, das ergab keinen Sinn. Falls er es doch gewesen war, würde das beweisen, dass die Worte seines Vaters nicht richtig waren. Wahrscheinlich war es jemand ganz anderes. Wenn er sich doch nur erinnern könnte. Vielleicht war ja alles auch nur ein blödes Missverständnis. Die letzten Bilder in seinem Gedächtnis zeigten ihm, wie er vor dem Auto des Fotografen auf dem Freibadparkplatz stand. Aber dieses Mal war er näher am Fahrzeug und nicht so weit weg wie beim ersten Mal, als er den Mann aus sicherer Entfernung am Kofferraum beobachtet hatte. Ein fürchterlicher Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Was wäre, wenn niemand käme, um nach ihm zu suchen? Er würde sicher bald verdursten, denn er wusste, dass ein Mensch zwar einige Zeit ohne Essen auskommen konnte, nicht aber ohne zu trinken. Bei dieser Vorstellung steigerte sich sein Durstgefühl ins Unerträgliche. Sein Mund war staubig und der Rachen fühlte sich vollkommen ausgetrocknet an. Das Schlucken bereitete ihm Schmerzen. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen, schrie panisch um Hilfe und flehte um Wasser. Doch nichts geschah. Er schleppte sich in eine Ecke des Verlieses und leckte mit seiner Zunge an der kalten Gesteinswand. Dies verschaffte ihm zumindest in seiner Phantasie das Gefühl, etwas Kühles zu trinken. Dann übermannte ihn die Erschöpfung wieder und er schlief ein.

Einige Zeit später weckte ihn ein lautes Knarren. Reflexartig hielt er sich die Hand vor Augen, denn diese schmerzten empfindlich, als sie erstmals nach Tagen von Lichtstrahlen getroffen wurden. Er blickte auf eine Türe, die sich inmitten einer Wand etwa zwei Meter über dem Boden befand. In der Türe konnte er die Umrisse eines Mannes erkennen. Der Mann trat näher, stoppte jedoch, bevor er in die Tiefe und damit in den Raum stürzte, in dem sich Nikolai befand. Jetzt konnte er ihn erkennen. Es war der Fotograf. Was sich nun in Nikolais Gehirn abspielte, schockierte ihn selbst, doch er konnte es nicht beeinflussen. Er empfand weder Angst noch Erleichterung, sondern er war ungeheuer wütend. Bemerkenswerterweise war er aber nicht wütend auf den fremden Mann, sondern auf seinen eigenen Vater. Die Erfahrung, die er in diesem Moment machte, durchlebten die meisten Kinder erst einige Jahre später und vor allem weniger schmerzhaft. Nämlich die Erkenntnis, dass der eigene Vater, den man stets als Maß aller Dinge betrachtet hatte, bei weitem nicht immer uneingeschränkt Recht hatte, mit dem was er sagte oder tat. So empfand er zumindest in diesem Moment. Er war nett und höflich zu dem Fotografen gewesen und trotzdem hatte ihn dieser gefangengenommen und eingesperrt. Was also hatte ihm der Respekt für andere eingebracht? Nichts! Im Gegenteil, denn wahrscheinlich würde er bald verdursten und sterben.

„Hallo Nikolai!“, sagte der Fotograf. Seine Stimme hörte sich dabei wesentlich tiefer und kälter an, als Nikolai sie in Erinnerung hatte. Wortlos schaute er den Mann mit halb offenem Mund an. Die Schleimhäute waren so ausgetrocknet, dass die Mundwinkel verklebt waren. Obwohl er sich aufsetzte, musste er seinen Kopf in den Nacken legen, um nach oben zur Türe schauen zu können. Wenige Sekunden hatten bereits genügt, um seine Augen wieder an das Licht zu gewöhnen. Blitzschnell versuchte er die Gelegenheit zu nutzen und schaute sich den Raum an, in dem er gefangen gehalten wurde. Je mehr Informationen er speicherte, desto besser konnte er sich in der Dunkelheit zurecht finden, wenn die Türe wieder geschlossen war. Eigenartigerweise ging er felsenfest davon aus, dass sie wieder geschlossen werden würde. Er rechnete in keiner Weise damit, dass der Mann ihn jetzt gehen lassen würde. Und so kam es auch.

„Wie geht es Dir, Nikolai? Du siehst müde aus!“

„Ich habe so fürchterlichen Durst. Bitte, ich möchte etwas trinken!“

„Zu gegebener Zeit wirst Du etwas bekommen, versprochen!“

„Ich möchte jetzt etwas, bitte, bitte! Ich verdurste sonst und muss bestimmt sterben.“

„Hör auf zu jammern! So schnell verdurstet niemand.“

„Wo bin ich? Warum halten Sie mich hier fest? Ich habe Ihnen doch nichts getan.“

„Nichts getan? Dass ich nicht lache! Das sagen sie alle. Aber irgendwann wirst Du verstehen, dafür werden wir schon sorgen.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen. Bitte lassen Sie mich nach Hause, ich vermisse meine Familie. Ich habe große Angst!“

„Glaub mir, Du kleines Aas, das wird vergehen. Du siehst Deine Familie nie wieder. Gewöhn Dich schon mal an den Gedanken, denn hier bei uns ist jetzt Dein Zuhause. Wir werden Dich ganz langsam und schrittweise daran gewöhnen. Wir haben hier sogar einen Freund für Dich!“

„Einen Freund?“

„Ja, Du hast mich schon richtig verstanden. Einen Freund und Spielgefährten. Er lebt schon einige Tage länger bei uns und kann es kaum erwarten, Dich kennenzulernen. Siehst Du, ist doch alles halb so schlimm, oder?“

„Wann darf ich denn meinen Freund sehen?“

„Jetzt mal nicht so schnell. Du sollst Dich, wie gesagt, erst einmal an uns gewöhnen und Dich von Deinem bisherigen Leben verabschieden. Dafür bekommst Du zwei weitere Tage Zeit. Wenn Du mir dann beweisen kannst, dass Du es ernst meinst und bei uns bleiben willst, bekommst Du zu essen und zu trinken so viel Du willst.“

„Wie soll ich denn das beweisen?“, sagte Nikolai vor Verzweiflung weinend.

„Du musst Dir etwas einfallen lassen, um uns zu überzeugen. Du musst lernen, dass es nichts mehr ohne Gegenleistung gibt. Umsonst ist noch nicht einmal der Tod. Also, wie gesagt, zwei Tage.“

Er drehte sich um und verschwand. Dabei zog er die Türe knarrend und quietschend hinter sich zu. Nikolai hörte wie sich ein schwerer Schlüssel zweimal im Schloss drehte und anschließend nochmals die Klinke gedrückt wurde, um zu kontrollieren, ob die Türe auch wirklich verschlossen war.“

„So ein Scheiß!“, schrie Nikolai. „Wieso schließt Ihr die Türe ab? Ich kann sie doch sowieso niemals erreichen!“

Erst im nächsten Moment wurde ihm bewusst, was dies alles für ihn bedeutete. Er war sicher, er würde verdursten, wenn er nicht bald etwas zu trinken bekäme. Aber auch wenn er nicht verdursten sollte, das Leben, das er bis jetzt geführt hatte, endete an diesem schönen Sommertag im August 1983, im Alter von neun Jahren.