Leseprobe Karl Kessel-Mord im Opernhaus

1.

 

Es war dunkel, heiß wie in einer finnischen Sauna und es stank bestialisch. Karl hatte zwar eine Schwäche für Leichen und Verwesung, aber nicht in diesem Sinne. Die Herkunft zahlreicher Substanzen, die hier in der Hitze vor sich hin gammelten, war mit ziemlicher Sicherheit die Schulkantine. Karl ließ die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf die Rachepläne, die in seinen Gedanken in den schillerndsten Farben aufblühten: Ein Virus. Ein richtig schönes, das alle Daten auf den Gerätschaften, die seine drei idiotischen Mitschüler mit sich herumschleppten, unwiederbringlich zerstören würde. Aber das hatte Zeit. Er würde sein Rachesüppchen ganz in Ruhe kochen, schließlich hatte er die gesamten Sommerferien lang Zeit. Jetzt musste er erst einmal aus dem stinkenden Müllcontainer raus, in den seine Kameraden ihn nach Schulschluss hineinverfrachtet hatten.

„Schöne Sommerferien, Nerd-Karlchen!“, hatte dieser bescheuerte Max noch gerufen, nachdem sie den Deckel des Containers zugeknallt hatten. Karl tat ihnen nicht den Gefallen zu schreien, zu strampeln oder sich sonst irgendwie zu wehren. Er hielt sich die Nase zu und wartete. Nach ein paar Minuten, die er immerhin sinnvoll für das Ausbrüten seines Rachefeldzuges genutzt hatte, stemmte er seine Turnschuhe in den weichen, glitschigen Müllberg und zog sich hoch. Er hoffte nur, dass seine Kumpanen sich bereits aus dem Staub gemacht hatten. Ansonsten würde er erneut zur Lachnummer, wenn er, mit Müllresten an den Kleidern, in den Haaren und an der Brille, aus dem Container stieg. Aber er hatte Glück: Sie waren fort. Karl kletterte aus der Mülltonne und machte sich auf den Heimweg.

Weit hatte er es nicht. Das Karlsgymnasium lag nur etwa sieben Gehminuten von seinem Zuhause entfernt. Dort angekommen, zog er naserümpfend seine Sachen aus, warf sie in die Wäschetonne und stieg unter die Dusche. Kühles Wasser war bei dieser ekelhaften Hitze so ziemlich das Beste, was es gab.

Seine Mutter war im Wohnzimmer und schenkte ihm kaum Beachtung. Umso besser. Er verzog sich in sein abgedunkeltes Zimmer und warf sich mit seinem Tablet aufs Bett. Die Rollläden waren bei ihm fast immer heruntergelassen, so dass es angenehm dunkel war und er möglichst wenig daran erinnert wurde, wie grell und heiß es draußen war.

Endlich hatten die Sommerferien auch in Stuttgart begonnen. Das bedeutete über sechs Wochen Schonzeit von den Einfaltspinseln in seiner Schule. Karls Klassenkameraden trieben sich bei dem Wetter wahrscheinlich im Freibad herum, gingen Fahrradfahren oder machten sonst irgendetwas in der Art, aber das interessierte Karl nicht im Geringsten. Vielmehr beschäftigte er sich damit, was er soeben entdeckt hatte. Endlich gab es eine interessante Nachricht unter den vielen langweiligen Polizei-Meldungen, die er oft neugierig durchstöberte: Ein Toter in der Stuttgarter Oper. Na, das war doch mal was.

Sofort lief Karls Aufmerksamkeit auf Hochtouren. Erst überflog er die knappen Infos hastig, dann las er sie noch einmal langsam. Der Dirigent des Orchesters der Staatsoper war nach der Pause während einer Abendvorstellung nicht mehr an seinem Pult aufgetaucht und kurz darauf mausetot in seiner Garderobe aufgefunden worden.

Nicht schlecht. Angeblich war es zu einem plötzlichen Herzstillstand gekommen, und die ersten Ermittlungen ergaben, dass es sich um einen natürlichen Todesfall handelte.

Karl lehnte sich zurück und wischte sich die Stirn ab. Diese Hitze war echt lästig. Obwohl er schon alles abgedunkelt hatte, war es für seinen Geschmack immer noch unerträglich heiß. Und das ging wahrscheinlich noch wochenlang so. Später würde er vielleicht nach Alaska oder so ziehen. Dann war endlich Schluss mit diesen elenden Sommermonaten, in denen man ständig nur durstig war und sich mit seinem eigenen Schweiß herumplagte. Aber wie dem auch sei, immerhin waren Ferien – und er hatte vielleicht etwas gefunden, womit er sich die Zeit vertreiben konnte.

Vermutlich, so hieß es in der Meldung über den Dirigenten, sei der Mann eines natürlichen Todes gestorben. Vermutlich. Das gefiel Karl. Vielleicht steckte etwas anderes dahinter, nämlich ein Verbrechen, und an diesem Punkt wurde die Sache spannend. Karls kriminalistische Ader fing heftig an zu pochen. Abermals las er die Nachricht durch. Besonders viele Tatsachen waren dem kurzen Beitrag auf der Seite der internen Polizeimeldungen, die er verbotenerweise las, nicht zu entnehmen. Der Dirigent war erst Anfang Vierzig gewesen, also keinesfalls in einem Alter, in dem man – so mir nichts dir nichts – tot umfiel. Karl hatte zwar keinerlei Ahnung vom Dirigieren, doch er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das Herumfuchteln mit einem Stab lebensbedrohlich sein sollte. Es bestand natürlich die Möglichkeit, dass der Mann krank gewesen war. Vielleicht hatte er Herzrhythmusstörungen gehabt oder war zuckerkrank gewesen oder an sonst irgendeinem Leiden gelitten, das ihn letztendlich getötet hatte. Wer wusste das schon. Auf jeden Fall würde er, Karl, der Sache nachgehen. Ein toter Dirigent war doch für den Anfang der Sommerferien gar keine so schlechte Sache.

In Gedanken versunken machte er sich auf, um sich aus der Küche etwas zum Trinken zu holen. Er hatte schon wieder einen Höllendurst.

 

Als Karl sich am Wohnzimmer vorbeischlich, um seine Mutter erst gar nicht auf ihn aufmerksam zu machen, hörte er, dass sie mal wieder telefonierte. Sehr gut, dachte er. Im besten Fall quatschte sie mit ihrer Freundin, dieser hysterischen Maja, und würde damit eine ganze Weile beschäftigt sein und sich nicht um ihn kümmern. Kaum hatte Karl diesen Gedanken zu Ende gedacht, blieb er wie angewurzelt stehen, runzelte die Stirn und lauschte. Was hatte er da eben aufgeschnappt? Auf jeden Fall war sein Name gefallen, und das konnte er überhaupt nicht leiden. Jetzt spitzte er die Ohren, und seine gute Laune, die er eben noch gehabt hatte, befand sich plötzlich in einem gefährlichen Sinkflug und drohte jeden Moment, am Grund aufzukommen und krachend zu zerschellen. Karls Kiefer war vor Entsetzen heruntergeklappt und stand nun dümmlich weit offen – was eigentlich nicht zu ihm passte.

„Ja, ach, das wäre doch was“, säuselte seine Mutter gerade in ihr Handy. „Die beiden haben sich ja auch schon wieder eine ganze Weile nicht gesehen. Vielleicht schafft Marlene es ja, ihn ein bisschen aus der Reserve zu locken.“

Es war tatsächlich die hysterische Maja, mit der sich seine Mutter unterhielt. Das Problem war nur, worüber sie offenbar redeten. Maja war schon seit Ewigkeiten mit seiner Mutter befreundet und wohnte mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern, die zwei unterschiedliche Väter hatten, in irgendeinem Kaff, etwa eine Autostunde von Stuttgart entfernt. Durch die einigermaßen sichere Entfernung blieben Karl häufige Zusammenkünfte glücklicherweise erspart. Maja war eigentlich ganz okay – jedenfalls ließ sie ihn meistens einfach in Ruhe und ging mit ihrer übermäßigen Beredsamkeit lediglich auf seine Mutter los –, aber Majas Tochter Marlene, die genauso alt war wie er, war nun mal ein Mädchen und allein deshalb schon uninteressant, und ihr kleiner Bruder Moritz war ein elendes Nervenbündel, dem Karl bei jedem Zusammentreffen am liebsten seinen rot behaarten Kopf abreißen würde.

Und jetzt so etwas! Seine Mutter plante doch tatsächlich, dass Marlene sie für zwei Wochen – zwei Wochen! – in Stuttgart besuchen sollte, um ihn „aus der Reserve zu locken“. In Karl brodelte und schäumte es vor Wut. Jetzt war sie offenbar völlig übergeschnappt. Wie von Sinnen stand er im Flur und schüttelte den Kopf. Nein … nein, nein, nein. Das konnte seine Mutter ihm nicht antun. Hastig biss er einen Moment lang auf seinen Fingernägeln herum, die bereits alle bis aufs Nagelbett abgekaut waren.

Dann stürmte er ins Wohnzimmer und baute sich vor seiner Mutter auf.

„Nein!“, rief er. Etwas Besseres fiel ihm spontan nicht ein. Seine Mutter schien wegen seines plötzlichen Erscheinens überrascht und machte einen Gesichtsausdruck, als ob in ihrem Wohnzimmer ein Lama aufgetaucht wäre und drohte, sie zu bespucken. Dann fasste sie sich aber wieder – ganz im Gegenteil zu Karl, der seine Hände in die Hüften gestemmt hatte und dessen Nasenflügel bebten.

„Äh … Maja, wir reden später weiter. Es bleibt aber dabei … Karl ist gerade rein gekommen“, sprach sie in ihr Smartphone. Eine kurze Pause entstand. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Freundin mit einem kurzen „Ja, genau, bis später dann, ciao!“.

Karls Mutter legte ihr Handy weg, rückte auf dem Sofa etwas zur Seite und wandte sich ihm zu. „Komm, Karl, jetzt beruhige dich erst mal und setz dich zu mir.“

„Nein.“ Karl hatte Probleme, die richtigen Worte für seine unbändige Empörung zu finden. Der Schock saß zu tief.

„Also gut“, sagte seine Mutter. „Hör mal. Ich habe Marlene zu uns eingeladen. Ihr könnt doch zusammen ein bisschen Stuttgart unsicher machen. Sie freut sich total auf einen Besuch bei uns.“

Diese langweilige Marlene sollte sich auf einen Besuch bei ihm, Karl, freuen. Das war absolut lächerlich! Sie hatte noch nie das geringste Interesse an ihm bekundet, und das war ihm sehr recht.

„Was soll das, Mama?“, sagte Karl barsch, wobei ihm die Brille auf seinem verschwitzten Nasenrücken herunterrutschte. „Ich will keinen Besuch! Und schon gar nicht von Marlene! Was soll ich mit Marlene?“ Er machte ein angewidertes Gesicht.

„Du tust gerade so, als hätte ich dir vorgeschlagen, zwei Wochen auf einem Bauernhof zu arbeiten und Ställe auszumisten“, bemerkte seine Mutter. „Nicht, dass dir das nicht gut tun würde …“

Karls Miene verzog sich zu einer Grimasse. Ställe ausmisten? Er schüttelte den Kopf und blinzelte ein paar Mal, um das Bild von sich selbst mit einer Mistgabel in der Hand und dreckigen Gummistiefeln an den Füßen auf einem Bauernhof wieder loszuwerden.

„Aber … warum denn? Was soll Marlene denn hier? Die hat doch in ihrem Kaff genügend Freundinnen, mit denen sie ihren Mädchenkram machen kann. Wir haben doch überhaupt nichts miteinander zu tun!“ Karl überlegte fieberhaft, wie er seine Mutter von dieser absurden Idee abbringen konnte. Doch die Chancen dafür standen schlecht, das war ihm klar. Er sah die Katastrophe schon auf sich zurollen. Zwei Wochen mit Marlene. Womöglich sollte sie in seinem Zimmer schlafen. Was für ein Albtraum.