Leseprobe DREI

Cover_Vorne  „Schau bloß nicht nach unten!“, sagte er immer wieder aufs Neue zu sich selbst, den Blick stets starr in die Ferne gerichtet. Höchste Konzentration war geboten. Kein Schritt durfte wesentlich länger oder kürzer als der vorangegangene ausfallen, anderenfalls würde er unweigerlich an einer der Metallstufen hängen bleiben und stolpern. Doch das war gar nicht so einfach, denn er konnte nicht nach unten auf seine Beine schauen, sondern immer nur nach vorn. Den Blick in die Tiefe würde er nicht ertragen, seine Höhenangst war einfach zu ausgeprägt. Die dritte von vier Plattformen hatte er auf seinem Weg zur Spitze des Turmes bereits hinter sich gelassen, als er die Stufen mit den Nummern 172, 173 und 174 zählte. Sein Atem ging immer schneller und die Oberschenkel schmerzten. Dann war er endlich oben. Ohne sich umzublicken, setzte er sich sofort auf den Boden und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er verharrte in dieser Position, bis sich die Frequenz seines Pulsschlages wieder etwas normalisiert hatte. Der aufkommende Abendwind ließ ihn bei geschlossenen Augen spüren, wie der Turm leicht schwankte. Warum nur war da dieser Drang, sich immer wieder selbst zu quälen, indem er sich beweisen musste, dass er, wann immer er wollte, seine Höhenangst überwinden und damit vermeintlich besiegen konnte? Er kannte die Antwort auf diese Frage, wollte aber weder sich selbst gegenüber, noch vor anderen, den wahren Grund zugeben. Er wollte sich einfach nicht damit abfinden, gelegentlich die Kontrolle über sich und seine Handlungen zu verlieren. Akrophobie bedeutete nicht nur die Angst vor der Höhe, sondern gleichzeitig die Angst vor einem Kontrollverlust. Unabhängig von der Höhe, ist der Betroffene dabei einer unerklärlichen Angst ausgesetzt und fürchtet, in die Tiefe stürzen zu müssen. Dieses Gefühl ist oft mit dem Zwang verbunden, sich gegen den eigenen Willen nach unten fallen zu lassen. Erst im Alter von sechzehn Jahren, sah er sich erstmals und völlig überraschend mit dieser Angst konfrontiert. Völlig unbedarft betrat er während einer Studienreise die Aussichtsplattform des Centre Georges Pompidou an der Rue Beaubourg in Paris. Er stand ganz vorne an der Absperrung, die ihm lediglich bis zum Bauchnabel reichte, und blickte aus etwa fünfunddreißig Metern Höhe nach unten. Er sah eine Dame in einem knallroten Kostüm und einem dazu passenden großen Hut, die über die „Place Pompidou“ stolzierte, als ihm unvermittelt die Todesangst in die Glieder fuhr. Einer seiner Klassenkameraden hatte sich einen üblen Scherz erlaubt und so getan, als wolle er ihn in die Tiefe stoßen, indem er ihn hinterrücks schubste. Seit diesem Tag litt er bewusst unter dieser Angststörung, die beispielsweise auf Brücken, Türmen, Balkonen, oder den Dächern hoher Häuser auftreten konnte, bemerkenswerterweise  aber weder im Flugzeug, noch in den Bergen beim Wandern oder Skifahren oder in geschlossenen Räumen, wie hoch auch immer sie gelegen waren.

Wieso war er nur hier hoch gerannt? Der Aussichtsturm im Höhenpark Killesberg war über vierzig Meter hoch und bekanntermaßen nichts für schwache Nerven. Alles Zaudern half jetzt nichts; irgendwie musste er auch wieder nach unten gelangen. Langsam öffnete er die Augen. Ohne aufzustehen, rutschte er auf seinem Gesäß bis zur Treppe und packte das Geländer. Der Abstieg fiel ihm noch viel schwerer als der Aufstieg, da er zwangsläufig auf seine Beine und Füße achten musste, um nicht ins Leere zu treten und die Treppe hinab-zu-stürzen. Er ging langsam und hochkonzentriert nach unten, Stufe für Stufe, den Blick wieder immer nur in die Ferne gerichtet.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Mark Scheck wieder am Fuße des Turmes an. Der kühle Abendwind hatte mittlerweile den Schweiß an seinem Körper getrocknet, und er fror etwas. Seine Beine zitterten, doch mit festem Boden unter den Füßen war er wieder ein ganz normaler Mensch, so wie jeder andere Spaziergänger oder Jogger auch, der an diesem Frühjahrsabend im Höhenpark unterwegs war. Er nahm langsam wieder den Laufschritt auf und blickte sich nochmals um. Über der Spitze des Killesberg-Turms zogen dunkle Wolken auf, und die Schwalben kreisten aufgeregt am Abendhimmel. Seine übliche Laufstrecke führte ihn vorbei an der großen Ballspielwiese, die am Eingang zum „Tal der Rosen“ gelegen war. Der Frühling präsentierte sich hier von seiner schönsten Seite und offenbarte eine wundervolle Blütenpracht, zu der auch die vielen Bäume ihren Teil beitrugen. Die Magnolienblüten beeindruckten durch ein strahlendes Weiß, das auch in der Dämmerung etwas Edles und zugleich Friedliches verströmte. Er passierte die roten, steil aufsteigenden Felswände im Tal der Rosen, die davon zeugten, dass der Höhenpark früher einmal ein Steinbruch gewesen war. Dass der Park auch eine sehr unrühmliche Vergangenheit hatte, war ihm in diesem Moment, wie den vielen tausend anderen Menschen, die ihn regelmäßig besuchten, nicht bewusst: Die Nationalsozialisten starteten einst in Stuttgart, unter anderem an diesem Ort, die Deportation unschuldiger Juden aus ganz Württemberg und Hohenzollern in die verschiedenen Konzentrationslager, insbesondere nach Riga, Auschwitz und ins Ghetto Theresienstadt.

Er spürte die ersten Tropfen auf seinen nackten Unterarmen. Es hatte begonnen zu regnen. Mark war nicht aufgefallen, dass er mittlerweile alleine war. Er war zu schnell gelaufen und setzte sich auf eine Bank beim Seerosenteich, um etwas auszuruhen. Von hier aus konnte er fast das ganze Tal überblicken, an dessen Eingang sich der Turm befand, auf den er vor etwa zwanzig Minuten noch waghalsig hinaufgerannt war. Erst jetzt bemerkte er, dass außer ihm niemand mehr unterwegs war. Der Regen wurde stärker, und die unzähligen Tulpen auf den großen Wiesen bogen sich im Wind. Mark erschrak, als plötzlich etwas auf seiner rechten Schulter landete. Reflexartig wischte er mit seiner linken Hand darüber hinweg und sprang auf. Er konnte einen großen Käfer erkennen, der taumelnd davon flog, dann setzte er sich wieder und stützte sich auf die Bank. Dabei berührte er mit seinen Fingern etwas Hartes, das sich bewegte: Ein weiterer Käfer, der genauso aussah, wie jener, den er eben in die Flucht geschlagen hatte. Dieses Tier flog aber nicht davon, sondern blieb unbeeindruckt sitzen. Mark beobachtete es eindringlich. „Was für eine komische Kreatur. Bestimmt eine seltene Gattung“, dachte er, war sich aber zugleich sicher, dass er ein solches Insekt schon einmal irgendwo gesehen hatte. Eine starke Böe fegte über das Tal hinweg, und Mark sah in einiger Entfernung, wie über einem großen Busch viele schwarze Punkte durch die Luft wirbelten. Es schien fast so, als tanzten sie im Wind. Er erhob sich von der Bank und ging langsam darauf zu. Als er näher kam, erkannte er, dass es hunderte weitere Käfer waren, die durch den starken Wind aufgeschreckt worden waren und wild durcheinander flogen. Der Busch war etwas verwildert und passte so gar nicht in das Bild der übrigen, sehr gepflegten Landschaft. Neugierig nahm er einen umherliegenden Stock und versuchte, die Zweige etwas auseinander zu biegen. Er erhoffte sich, im Inneren des Buschs eine Erklärung für die geballte Präsenz der Insekten zu finden. Noch mehr Käfer wurden dadurch aufgescheucht und wuselten aufgeregt umher.

Zwischen den Sträuchern hing etwas, das in roten Stoff eingewickelt war. Er konnte es nicht erkennen, der Gegenstand entsprach aber ungefähr dem Format eines Fußballs. Er stieß mit seinem Stock dagegen. Das Ding war hart und schwer, ließ sich aber nicht bewegen. Ein weiterer, kräftigerer Stoß ließ den rundlichen Gegenstand zu Boden plumpsen und nach einem dumpfen Aufprall, direkt vor seine Füße kullern. Vorsichtig zog Mark an dem roten Stoff und wich jählings zurück. Ihm stockte der Atem: Vor ihm lag der Schädel einer Frau. Vorsichtig näherte er sich wieder etwas, um den Kopf genauer ansehen zu können. Dabei blickte er in zwei dunkle Augenhöhlen, aus denen der Tod zurückstarrte.